Zum Inhalt springen
Zurück zum Wissensarchiv

Wissen

Individualität wird großgeschrieben

Conrad Thimm ordnet die deutschen Bioverbände nach Herkunft, regionalen Schwerpunkten und Marktentwicklung ein. Der Beitrag zeigt, warum Verbandswahl, Wachstum und Praxisnähe für Biobetriebe eng zusammenhängen.

1. August 2019 Presse-Artikel Conrad ThimmMarkt & Politik
Individualität wird großgeschrieben

Die meisten Biolandwirte sind Mitglied in einem Verband. Aber warum gibt es deren so viele? Und wie unterscheiden sich Demeter, Bioland und all die anderen? Conrad Thimm erzählt die Geschichten einer besonderen »Szene«.

Wer auf »Bio« umstellen will, ist meist schon aus Vermarktungsgründen gut beraten, sich einem Verband anzuschließen. Welcher am besten geeignet ist, wird meist danach entschieden, welche Berufskollegen und Berater am besten passen. Die deutschen Bio-Verbände haben unterschiedliche Geschichten, Schwerpunkt-Regionen und Schwerpunkt-Themen. Ihre größte Herausforderung ist im Moment, die Verbindung zwischen den gesellschaftlichen Vorstellungen vom Bio-Landbau und der Realität der Landwirte zu halten.

Conrad Thimm, Bio-Berater.

Die deutschen Bioverbände haben ganz unterschiedliche Schwerpunkte.

— Conrad Thimm, Bio-Berater

Die Klassiker: Demeter ...

Der älteste deutsche Bio-Verband geht zurück auf den »Landwirtschaftlichen Kurs«, den Rudolf Steiner 1924 auf Gut Koberwitz in Schlesien gab. Schon damals setzte Steiner einseitigen Spezialisierungen und intensivem »Kunstdünger«-Einsatz die Idee des Betriebsorganismus entgegen, in dem sich die Teile zu einer höheren Ordnung und Stabilität zusammenfinden. Waren es anfangs vor allem ostelbische Güter, die diese Ideen ausprobierten, so gab es in den 1950er und 1960er Jahren in der Bundesrepublik eine Vielfalt biologisch-dynamischer Betriebe: »normale«, ortsübliche Höfe, Gärtnerhöfe, die Reformhäuser belieferten, Betriebe, die mit Waldorfschulen zusammenarbeiteten sowie Einrichtungen, die mit Behinderten arbeiteten. Als in den 1970er Jahren die ersten »neuen« Agrarökologen auftauchten, fanden sie die Demeter-Bewegung und ihre Erfahrungen als wichtigstes Netzwerk vor.

Seither ist Demeter auf 1 800 Betriebe mit 85 000 ha gewachsen. Das Spektrum reicht von Marktgärtnern bis zu Großbetrieben mit über 1 000 ha, wie das Ökodorf Brodowin in Brandenburg. Allen gemeinsam ist, dass die von Rudolf Steiner angeregten biologisch-dynamischen pflanzlichen und tierischen Präparate und tierische Dünger eingesetzt werden, möglichst aus dem eigenen Betrieb oder behelfsmäßig von einem Partner-Biobetrieb. Viele heutige Demeter-Landwirte haben ursprünglich einem anderen Anbauverband angehört und sich erst in der zweiten Stufe dem »anspruchsvolleren« Verband angeschlossen. Manche fühlten sich bei einem anderen Verband auf Dauer nicht wohl, und manche wollten einfach einem besseren Demeter-Preis, zum Beispiel für glutenfreien Hafer, nicht widerstehen. Umgekehrt ist z. B. ein ostdeutscher Großbetrieb von Demeter zu Bioland gewechselt, nachdem sein biologisch-dynamischer Mehraufwand jahrelang im Markt nicht genügend honoriert wurde.

Demeter ist Teil eines anthroposophischen Netzwerkes. Dazu gehören Kosmetik- und Arznei-Firmen wie Weleda, Wala mit der Marke Dr. Hauschka, Waldorfschulen, die Alanus-Hochschule, heilpädagogische Einrichtungen, die GLS-Bank und viele andere Organisationen. Zum internationalen Demeter-Verbund gehören 24 Organisationen aus Europa, Amerika, Afrika, Neuseeland und Indien mit 5 300 Bauern und 190 000 ha in 63 Ländern. So gibt es auch z. B. Demeter-Kaffee und Demeter-Tee in Deutschland zu kaufen.

... Bioland ...

Über 7 700 Landwirte mit mehr als 400 000 ha machen Bioland zum bei weitem größten deutschen Bioverband. Damit ist fast jeder zweite deutsche Bio-Landwirt, der einem Bio-Verband angehört, Bioland-Mitglied.

Bioland nimmt nur Mitglieder in Deutschland und Südtirol auf. Seine Ursprünge liegen bei dem konservativen Schweizer Agrarpolitiker Dr. Hans Müller, der schon seit den 1920er Jahren für »seine« Bergbauern einen Ausweg aus dem »Wachsen oder Weichen« suchte. Zusammen mit dem deutschen Arzt und Mikrobiologen Dr. Hans Peter Rusch entwickelte er die Theorie des organisch-biologischen Landbaus, aus dem in Deutschland im Laufe der 1970er und 1980er Jahre der Bioland e. V. entstand.

Zwar erwiesen sich sowohl die Theorie als auch das christlich-konservative Weltbild des Hans Müller als wenig hilfreich in der deutschen Praxis, aber neue, junge Bio-Landwirte fühlten sich meist eher zu Bioland hingezogen als zu dem »esoterischeren« Demeter, dessen Mitgliederzahlen schon Anfang der 1980er Jahre in Deutschland überholt wurden. Bioland wuchs danach parallel mit Direktvermarktern, Naturkost-Herstellern und dem Handel. Auch die ersten bescheidenen Ansätze im LEH wie bei Kaufmarkt in Nürnberg, aus dem der ebl-Naturkost-Filialist erwachsen ist, wurden damals gestartet.

Schwerpunkt in Süddeutschland. Bioland ist in ganz Deutschland vertreten mit einem deutlichen Schwerpunkt in Baden-Württemberg und Bayern. Dort wirtschaften die Hälfte der Mitglieder. Bioland ist auch in allen wesentlichen Bio-Geschäftsfeldern vertreten – mit Ausnahme größerer Legehennenbestände. Das hindert Bioland-Ackerbauern aber nicht, Hühnertrockenkot von Bio-Betrieben anderer Verbände zu beziehen. Besonders stark ist Bioland in Milch- und Molkereiprodukten und hat zu diesem Thema eine eigene Marktbeobachtungsstelle. Mit seinen großen Mitarbeiterstäben auf Bundes- wie auf Landesebene und den vielen Mitgliedsbetrieben bietet Bioland die meisten Kontaktmöglichkeiten für neue Interessierte und erfährt ein weiterhin ungebrochenes Wachstum.

Das erfordert allerdings ein entsprechendes Wachstum im Markt. Unter Leitung seines hauptamtlichen Präsidenten Jan Plagge ist Bioland mit Unterstützung seiner Bundes-Delegierten 2018 eine Kooperation mit Lidl eingegangen. Das hat nicht allen Direktvermarktern, Lieferanten des Naturkosthandels und Discount-Kritikern gefallen, ist jedoch so verständnisvoll diskutiert worden, dass sich die meisten Kritiker respektiert und einbezogen fühlten. Plagge, ein ehemaliger Bio-Berater, ist seit 2018 auch Präsident der IFOAM EU, der Bio-Vertretung in Brüssel sowie Vorsitzender des zivilgesellschaftlichen Beratungsgremiums der Brüsseler Agrarpolitik.

Mitgliederzuwachs ist nicht ohne Marktwachstum zu haben. Das ist derzeit vor allem für Bioland ein Thema. — Foto: Preuße

... und Naturland

Dritter im Bunde der »alten« Bio-Verbände ist Naturland. Gegründet 1982 als bayerischer Gegenentwurf zum schwäbischen Bioland, wurden Humusaufbau, Rinderhaltung und Pragmatismus in den Vordergrund gestellt. Neben den Praktikern, die bei Naturland immer am wichtigsten waren, spielte dabei Dr. Richard Storhas eine Rolle, ein Schüler von Prof. Frederik Bakels (»Rinderzucht auf Lebensleistung«). Finanziell wurde Naturland wesentlich gefördert von Karl Egger, der seine Münchner Unterhaltungselektronik-Märkte gut verkauft und damit das Bio-Unternehmen La Selva in der Toskana gegründet hatte.

Öko-Engagement. Schon 1987 beginnt das weltweite Engagement Naturlands mit Teegärten in Indien und Sri Lanka, in Zusammenarbeit mit dem Fair-Handels-Haus Gepa. 1992 wird die Marktgesellschaft der Naturland Bauern gegründet, heute eine AG mit 900 Biobauern als Aktionären. 1996 stellt Naturland als Antwort auf die Überfischung der Meere und die drastischen Zustände in Fischfarmen Richtlinien für die ökologische Aquakultur auf. Kein ökologisches oder soziales Problem auf dem Acker, der Wiese, in Dauerkulturen, dem Wald oder im Wasser auf diesem Erdball, zu dem Naturland nicht Programme und Richtlinien erstellt. Heute bewirtschaften 65 000 Naturland-Bauern weltweit eine Fläche von über 440 000 Hektar. In Deutschland sind es 3 700 Betriebe mit 206 000 ha, ohne Forst. Das prominenteste Mitglied ist Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des deutschen Bio-Dachverbands BÖLW (Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft).

Die Ostdeutschen: Gäa ...

Die Gäa hat ihre Wurzeln in Dresden in der beginnenden Ökobewegung der Endphase der DDR. Mit der Wende wurde sie schnell zum Bio-Promotor im Südosten. Mit durchschnittlich 89 ha sind auch hier die Betriebe größer als im Westen, aber weniger als halb so groß wie bei Biopark im Nordosten. Von den 385 Mitgliedsbetrieben, die 34 000 ha bewirtschaften, liegen die weitaus meisten in Sachsen und Thüringen. In diesen Bundesländern liegen die Bio-Flächenanteile mit etwa fünf Prozent deutlich unter dem Bundesschnitt.

Die Gäa hat immer enge Beziehungen zu anderen Bio-Verbänden und Institutionen gepflegt wie BioSuisse, dem weltweiten Bio-Dachverband IFOAM Organics International und dem staatlichen BÖLN Bundesprogramm Ökologischer Landbau und anderen Formen nachhaltiger Landwirtschaft. Seit 2016 besteht eine enge Partnerschaft zwischen der Gäa und Bioland. Das Verbandsgesicht nach außen ist die Geschäftsführende Vorsitzende Kornelie Blumenschein, die ihrem Namen freudestrahlend alle Ehre macht.

... Biopark ...

Biopark hat sein Zentrum in Mecklenburg-Vorpommern, wo der Bioflächenanteil mit über 10 % ähnlich hoch ist wie in Bayern und Baden-Württemberg. Flächenmäßig ist Biopark mit 107 000 ha der drittgrößte Bioverband Deutschlands, von der Betriebsanzahl mit 509 Betrieben aber nur Nummer fünf. Mit 210 ha ist der durchschnittliche Biopark-Betrieb fast viermal so groß wie ein Betrieb der klassischen Drei mit rund 55 ha. Die ersten Biopark-Betriebe waren extensive Mutterkuhbetriebe mit bis zu 5 000 ha Grünland.

Große Fleischerzeugung erforderte von vorneherein große Kunden, die anfangs unter anderem Hipp und McDonald’s hießen. Nach der BSE-Krise 2001 hat jeder, der konnte, diversifiziert. Heute erzeugen Biopark-Betriebe alles, was im Nordosten wächst und gedeiht, von Fleisch über Getreide, Kartoffeln, Eier bis zu Obst und Gemüse. Inzwischen ist Biopark über ganz Nordost-Deutschland verbreitet. Ein wichtiger Kunde ist Edeka Nord. Edeka fördert auch ein großes Biopark-Projekt zum Artenschutz zusammen mit dem ZALF Müncheberg, das inzwischen auf ganz Deutschland ausgedehnt wurde. Zwei Biopark-Mitglieder engagieren sich schon seit Langem für den Ökolandbau im Deutschen Bauernverband, Dr. Heinrich Graf von Bassewitz und Carsten Niemann.

... und der Verbund Ökohöfe

Dieser hat seinen Sitz in Wanzleben in der Magdeburger Börde und Betriebe vor allem im Nordosten und der Mitte Deutschlands. Mit 134 Betrieben, die 18 000 ha bewirtschaften, ist er der kleinste ostdeutsche Verband. Mit einer Durchschnitts-Betriebsgröße von 135 ha liegt er zwischen Gäa und Biopark. Entstanden ist der Verbund in den Nullerjahren durch Ausgründung aus der Gäa. Er profiliert sich durch strenge Richtlinien und die Betonung der Direktvermarktung.

Traditionell hat der Verbund enge Beziehungen zu Demeter, auch Doppelmitgliedschaften gibt es. Der langjährige Geschäftsführer Jürgen Hartmann übt diese Funktion auch für Demeter Sachsen-Anhalt aus. Wirtschaftlich die wichtigsten Mitglieder bei Verbund Ökohöfe sind die Bio-Geflügel-Betriebe von Lorenz Eskildsen, einem Pionier der Bio-Eier-Vermarktung an den LEH.

Zwei »Spezielle«

Biokreis: Aus Ostbayern nach ganz Deutschland. Mit 1 285 Betrieben und 64 000 ha ist der Biokreis fast so groß wie Demeter. Biokreis wurde 1979 von einer Gruppe »engagierter und ernährungsbewusster Verbraucher« als Biokreis Ostbayern gegründet. Inzwischen ist er nicht nur in Bayern und Baden-Württemberg verbreitet, sondern hat auch vier weitere Landesverbände: die Erzeugerringe Nordrhein-Westfalen, Mitte (Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland), Mitteldeutschland und Nord-Ost. 2018 machte der Biokreis Schlagzeilen, weil er Bioland im Rahmen des Lidl-Deals mit dem Kartellamt drohte, wenn Biokreis-Mitglieder in der Vermarktung behindert würden. Prominentestes Mitglied ist Karl-Ludwig Schweisfurth, der bereits 1985 sein großes Fleisch- und Wurstunternehmen Herta an Nestlé verkaufte und die Herrmannsdorfer Landwerkstätten bei München als Bio-Pionier- und Entwicklungsbetrieb gründete.

Ecoland: Hohenlohe und die große Welt. Der kleinste Verband, Ecoland mit 51 Betrieben und knapp 2 500 ha, macht mitunter den größten Wind. Das liegt an seinem Gründer, dem Marketinggenie Rudolf Bühler, der es immer wieder versteht, das schwäbisch-Hällische Landschwein, die Region Hohenlohe, das Schloss Kirchberg an der Jagst und viel Prominenz von Renate Künast bis Prinz Charles unter seinem großen Hut zusammenzubringen. Damit die Biobetriebe in »seiner« Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Hohenlohe nicht zu einem fernen, großen Bioverband gehen müssen, hat er seinen eigenen Haus-Bioverband gegründet, der immer wieder für Überraschungen gut ist. Um auch die Herkunft der Bio-Gewürze für die Bio-Würste garantieren zu können, hat der ehemalige Entwicklungshelfer auch gleich entsprechende Bio-Projekte in Indien und Afrika gestartet.

Conrad Thimm, Organisationsberater (Bio-Mitmachtagungen), Berlin

Neunter im Bunde ist der Weinbau-Verband Ecovin, den wir hier nicht beschrieben haben. Über einen Außenseiter, die Dachverbände und das Umfeld des ökologischen Landbaues geht es demnächst an dieser Stelle.