Unter dem Motto „Bio-Marktfruchtbau im Land zwischen den Meeren“ stand die Mitmach-Tagung, die von der Organisation „Bio 2030“ zuletzt in Neumünster durchgeführt wurde. Die Organisatoren der Tagung Gustav Alvermann und Conrad Thimm konnten rund 60 Teilnehmer zu der Veranstaltung begrüßen.
Im Einführungsvortrag beschrieb Ackerbauberater Gustav Alvermann, die besonderen klimatischen und Standortverhältnisse, die den ökologischen Ackerbau in Schleswig-Holstein prägen: Milde und nasse Winter bis in den März hinein, gefolgt von oftmals trockenen Folgemonaten Mai und Juni, stehen den Ansprüchen der Marktfrüchte entgegen. Auf milde Wintermonate, einhergehend mit relativ hohen N-min-Werten und der Gefahr von Nährstoffauswaschungen, folgen trocken-warme Frühsommer, in denen mangels Regen keine Nährstoffe mobilisiert werden können. Das Ziel müsse daher sein, die Mobilisierung in den Frühsommermonaten anzuregen. Gustav Alvermann differenzierte an dieser Stelle zwischen den Konzepten Bio-classic und Bio-modern. Auf milden Standorten (< 18 % Ton) können ein Ackerbau „bio-modern“ umgesetzt werden: Fruchtfolgen mit einjährigem Kleegras und Marktfruchtanteilen von bis zu 80 % in Verbindung mit einem hohen Anteil an Sommerungen können erfolgreich angebaut werden. In dem System ist oftmals eine intensive mechanische Unkrautregulierung notwendig. Auf schweren Standorten mit hohen Tonanteilen (> 18 % Ton) habe sich dagegen das Konzept „bio-classic“ bewährt: zweijähriges Kleegras und ein Marktfrucht-Anteil in der Fruchtfolge von unter 70 %. Den Schwerpunkt bilden hier Winterungen, die Unkrautregulierung erfolgt größtenteils vorbeugend über die Fruchtfolge. Insbesondere im System „bio-classic“ sei ein aktives Nährstoffmanagement sinnvoll. Kleegrasaufwüchse könnten im eigenen Betrieb (Rinder) oder in Kooperation mit einem Rinderhalter oder einer Biogasanlage veredelt werden. Eine Rücknahme der Nährstoffe aus dem Stoffkreislauf in Form von Mist, Gülle oder Gärrest sei geboten. Alternativ könne auch auf organische Handelsdünger (PPL oder Vinasse) zurückgegriffen werden oder die Kleegrasaufwüchse könnten direkt oder in Form von Silage als Dünger für andere Kulturen genutzt werden („cut and carry“).
Praktiker berichten von Erfahrungen
Im Anschluss an die Einführung trugen weitere Referenten, oftmals Praktiker, ihre Erfahrungen vor, wie sie mit den spezifischen Gegebenheiten des Bio-Marktfruchtbaus in Norddeutschland umgehen. In einer Arbeitsgruppe wurde über Kooperationsmodelle und regionale Nährstoffkreisläufe diskutiert. Eine andere Arbeitsgruppe beschäftigte sich mit den Einsatzmöglichkeiten verschiedener organischer Handelsdünger. Hierzu stellte Hermann Leggedör, Bio-Anbauberater aus Schweden, seine Erfahrungen mit den Bio-Praxisbetrieben bei den skandinavischen Nachbarn vor.
In einer Arbeitsgruppe zur Beikrautregulierung wurden verschiedene Strategien erörtert: Milchviehhalter Henning Gehs aus Groß-Neuleben verzichtet auf jedwede Maßnahme der mechanischen Unkrautbekämpfung und reguliert den Beikrautbesatz vorbeugend über einen handwerklich guten Bio-Ackerbau mit mehrjährigem Kleegras in der Fruchtfolge. Im Gegensatz dazu verfolgt Bio-Ackerbauer Dag Brodersen aus Reußenköge mit der Hacktechnik „System Cameleon“ erfolgreich den Ansatz einer intensiven mechanischen Bekämpfung.
Bio-Hackfrüchte anbauen?
In einer weiteren Arbeitsgruppe informierten sich die Praktiker über die Möglichkeiten, Hackfruchtkulturen in ein Bio-Marktfruchtsystem zu integrieren. Insbesondere der Anbau von Bio-Zuckerrüben biete hier neue Chancen, berichtete Thilo Hahnkemeyer, Anbauberater für Bio-Zuckerrüben bei der Nordzucker AG. Auf bestimmten Standorten könne aber auch ein Anbau von Bio-Körnermais in Schleswig-Holstein erfolgreich sein, ergänzt Björn Ortmanns, Öko-Berater der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein.
Blick auf die Öko-Getreidepreise
Die abnehmende Hand für Bio-Druschfrüchte in Schleswig-Holstein blickte zuversichtlich auf die Märkte für Bio-Getreide im norddeutschen Raum und bundesweit. Die Nachfragesituation nach Bio-Konsum- und Futtergetreide aus Deutschland sei stabil und wachse. Hinzukommende Mengen an Umstellungsware von Neubetrieben beeinflussten derzeit allerdings den Preis für Umstellungsgetreide, vornehmlich jedoch im Bereich der Nicht-Verbandsware (EG-Bio-Umstellungsware). Im Konsumbereich rechne man mit guten Preisen für gute und sehr gute Qualitäten. Nachlassende, aber immer noch auskömmliche Preise werden für die Ernte 2018 in den Bereichen der mittleren Qualitäten und des Futtergetreides (A-Ware) erwartet. Entscheidend sei aber vor allem der weitere Witterungsverlauf bis zur Druschfruchternte.
Am Nachmittag hatten die regionalen Bio-Getreideerfasser die Gelegenheit, ihre Organisationen und Handelsstrukturen den Teilnehmern vorzustellen und wiederum in Arbeitsgruppen mit den Praktikern zu diskutieren. Ernst-Friedemann von Münchhausen präsentierte sein Unternehmen Handelsgesellschaft Gut Rosenkrantz als Full-Liner, der neben dem Handel mit Bio-Getreide auch einen Agrarhandel für Bio-Saatgut, Dünge- und Futtermittel führt und mit Mühlenprodukten und Bäckereibedarf handelt. Dirk Vollertsen, Geschäftsführer Bioland Markt, beschrieb seine Firma als „klassische Vermarktungsgesellschaft“, die vornehmlich mit Verbandsware (Bioland, Demeter, BioSuisse und BioAustria) handelt. Die Marktgesellschaft der Naturland Bauern wurde von Kathrin Lehmann vorgestellt. Mit über 950 Mitgliedern und weiteren zirka 2.000 freien Andienern beschrieb sie ihre Organisation als die größte nationale Erzeugergemeinschaft. Sabine Feldner von der Vermarktungsgesellschaft Bioland Schleswig-Holstein umriss die Hauptgeschäftsfelder ihrer Erzeugergemeinschaft: Bio-Getreide sowie Vieh und Fleisch der 90 Gesellschafter und zirka 140 freien Andiener werden vornehmlich regional gehandelt. Im Handel mit Bio-Gemüse sei die Vermarktungsgesellschaft (VGS) dagegen bundesweit aktiv. Es werde zu 95 % Ware von Mitgliedern der Anbauverbände Bioland, Demeter und Naturland gehandelt. Die Vermarktungsgesellschaft zeichne aus, dass sie sich bereits seit 26 Jahren in bäuerlicher Selbstverwaltung befinde.
FAZIT: Der typische Witterungsverlauf und die hiesigen Bodenverhältnisse erschweren einen erfolgreichen Bio-Marktfruchtanbau in Schleswig-Holstein. Verschiedene Anbausysteme (bio-classic und bio-modern), Erfahrungen mit Nährstoffkooperationen und die Möglichkeit, in begrenztem Umfang organische Handelsdünger aufzunehmen, helfen dabei, die Erzeugung standort- und betriebsindividuell zu optimieren. Die aufnehmende Hand blickt zuversichtlich in die Zukunft des regionalen und überregionalen Handels mit Bio-Getreide.