Mehr als ein Drittel Flächenanteil im Alpenvorland, weniger als 1 % in Weser-Ems: Auch der Ökolandbau hat seine regionalen Schwerpunkte. Pauschale Ausbauziele wie 30 % passen deshalb nicht überall. Conrad Thimm erläutert, warum das so ist.
Über den Ökolandbau wird in Öffentlichkeit und Politik (fast) immer schwarz-weiß gesprochen. Das wird der Wirklichkeit jedoch nicht gerecht und hat Folgen: die Gefahr von Fehlern in der Umsetzung von Regelungen und Fördermaßnahmen nach dem Muster »gut gemeint, aber leider voll daneben«. Das gilt besonders auf dem Weg zu ambitionierten pauschalen Zielen wie 30 % Ökolandbau bis 2030 (Ziel der neuen Bundesregierung) oder 25 % (Ziel der EU-Kommission).
Pauschale Ansagen sind nur sehr begrenzt geeignet, diese Ziele zu erreichen, denn sie sind für die eigentlichen Entscheider, die Landwirte, sehr abstrakt und weit weg von ihrer konkreten praktischen Situation. Viel wirksamer wäre eine nüchterne Betrachtung: Wo, wie und ob überhaupt ist eine Umstellung auf Ökolandbau machbar und sinnvoll?
Eine Grundvoraussetzung ist zwar ganz einfach: Der einzelne Landwirt muss wollen. Da gibt es eine große Bandbreite: von den »Bio-Helden«, die sich selbst von widrigsten Umständen nicht abschrecken lassen, bis zu denen, die Bio nur machen wollen, wenn sie damit den Betrieb wirtschaftlich sicherer für die nächste Generation erhalten können. Unter den ersten Bio-Pionieren waren viele »Überzeugungstäter«, die oft leuchtende Beispiele abgeben dafür, was mit Bio erreicht werden kann.
Je größer die Bio-Anteile an allen landwirtschaftlichen Betrieben, desto »normaler« werden jedoch die Erwartungen der Umstellungsinteressenten. Mehr als die Leuchttürme der Bio-Helden interessieren dann die natürlichen und wirtschaftlichen Bedingungen für Anbau und Märkte.
Bildbeschreibung: Die Grafik zeigt Ökoflächenanteile in den Bundesländern: Schleswig-Holstein 7,0 %, Mecklenburg-Vorpommern 13,2 %, Niedersachsen 5,2 %, Brandenburg 14,4 %, Sachsen-Anhalt 9,3 %, Nordrhein-Westfalen 6,5 %, Sachsen 8,1 %, Thüringen 7,0 %, Hessen 15,9 %, Rheinland-Pfalz 11,7 %, Saarland 19,4 %, Baden-Württemberg 13,7 % und Bayern 12,4 %. Drei Callouts sind mit Personen und Regionen verbunden: Bernd Wiese, Wildeshauser Geest (Niedersachsen), mit »Bei uns geht Bio nur mit Geflügel«; Stefan Palme, Gut Wilmersdorf (Brandenburg), mit »Unter 50 Bodenpunkten ist Bio bei uns zumeist im Vorteil«; Marlene Hupfauer, Warngau (Bayern), mit »Wenn die Nachfrage weiter so wächst, können bei uns noch viele umstellen«.
Die sind regional sehr unterschiedlich. Die Bio-Flächenanteile auf Kreisebene variieren von 0,8 % in Cloppenburg, Weser-Ems, bis 36 % in Miesbach, Oberbayern. Diese Extreme sind schnell erklärt, bieten jedoch auch Überraschungen.
Was hinter den Prozentzahlen steht. Miesbach bietet optimale Bedingungen für Bio-Milchkühe: sehr wüchsiges Grünland bei über 1 000 mm Niederschlag pro Jahr und mehrere etablierte Molkereien, die Bio-Milch in der Region erfassen und gut bezahlen. Milch und Milchprodukte sind die umsatzbezogen mit Abstand größte Kategorie von Bio-Lebensmitteln. Cloppenburg gehört zur Region der intensivsten konventionellen Tierhaltung. Hier werden Flächen zur Gülleversorgung gebraucht; die Pachtpreise für Acker liegen bei über 1000 €/ha. Das lässt sich mit einer flächengebundenen Produktion wie im Ökolandbau nicht erwirtschaften. Auf den kleinen Bio-Flächen, die es dort gibt, werden Bio-Legehennen und sonstiges Bio-Geflügel gehalten. Das Futter kommt überwiegend aus den Ackerbauregionen Ostniedersachsens, Schleswig-Holsteins und Sachsen-Anhalts. Dorthin geht Hühnertrockenkot (HTK) zurück. HTK ist aufgrund seiner Nährstoffdichte auch über größere Entfernungen transportwürdig. Das ist zwar nicht die reine Lehre vom Kreislauf auf dem Bio-Hof, aber als überregionale Kreislaufwirtschaft ökologisch und ökonomisch für beide Seiten eine Win-win-Situation.
»Bio traditionell« und die Realität. Wenn man »ökologischer Landbau« googelt und auf »Bilder« klickt, so erscheint die Grafik eines landwirtschaftlichen Erzeugungssystems, das an die Bauernhof-Romantik in Kinderbüchern der 1960er Jahre erinnert. Es bestehen vielfältige innerbetriebliche Nährstoffkreisläufe, es kommen mindestens Kuh, Schwein und Huhn vor, und neben Dauergrünland wird Ackerland in einer überaus bunten Fruchtfolge bewirtschaftet. Im krassen Gegensatz dazu stehen die nackten Zahlen der modernen Lieferketten des ökologischen Landbaues.
Rund die Hälfte der deutschen Bio-Milch stammt aus Bayern mit starkem regionalem Schwerpunkt im Alpenvorland – Miesbach lässt grüßen. Knapp die Hälfte der deutschen Bio-Eier und über ein Viertel der Bio-Kartoffeln und Bio-Äpfel stammen dagegen aus Niedersachsen. Dort wiederum mit starker regionaler Arbeitsteilung: Eier aus Weser-Ems, Kartoffeln aus Ostniedersachsen und Äpfel von der Niederelbe. Dabei machen diese Bio-Erzeugnisse jeweils nur ca. 3 % der jeweiligen konventionellen Kategorie in Niedersachsen aus. Schließlich ist das Land mit 5,2 % das Schlusslicht bezüglich Bio-Flächenanteil.
Spitzenreiter Nordosten. Die nordöstlichen Bundesländer dagegen gehören mit Bio-Flächenanteilen von 14,3 % (Brandenburg) bzw. 13,1 % (Mecklenburg-Vorpommern) zu den Spitzenreitern. Sie liegen beide noch vor Bayern (12,3 %). Extensive Rinderbetriebe auf relativ preisgünstigem Land spielen eine große Rolle. Aber auch hier lohnt das genaue Hinschauen. In Brandenburg entwickelt sich nach und nach eine regionale Bio-Versorgung der Hauptstadtregion. In Mecklenburg-Vorpommern haben sich niedersächsische Geflügelspezialisten niedergelassen und Erzeugergemeinschaften gegründet, weil sie hier das Land bezahlen und den Kreislauf Futter-Legehennen-HTK-Düngung auf dem eigenen Betrieb realisieren können. Insgesamt aber ist die Tierhaltung in Ostdeutschland in Bio genauso wie konventionell gering vertreten.
| ungünstig | mittel | gut | |
|---|---|---|---|
| Boden | |||
| Tongehalte | < 5 % / > 25% | 5 – 12% / 19 – 25 % | 13 – 18 % |
| nutzbare Feld-Kapazität | 100 mm | 150 mm | 200 mm |
| Niederschläge | |||
| Jahresniederschläge | < 400 / > 800* | < 600 / > 700 | 600 - 700 |
| Niederschlagsschwerpunkt | Herbst / Winter | gleichmäßig verteilt | Mai - Juli |
| Pachtpreis | 900 €/ha | 600 €/ha | 300 €/ha |
| *außer Grünland |
Klima, Boden. Die verschiedenen Faktoren für die Ausprägung des Biolandbaus spielen regional ganz unterschiedliche Rollen. Bei den natürlichen Standortfaktoren ist die Bedeutung der Bodenart für Landwirte selbstverständlich. Im Biolandbau ist sie tendenziell noch höher als konventionell, weil der Aufwand, mit organischen Düngern einen schwachen Standort aufzubessern, größer und damit teurer ist als mit mineralischem Stickstoff. Dafür sind die Pachtpreise für arme Sandböden oft geringer und die Förderung wichtiger.
Die Bedeutung der Klimaunterschiede für den Bio-Landbau in Deutschland und hier besonders die Niederschlagsverteilung gehört noch nicht zum Allgemeinwissen. Frühjahrstrockenheit, wie sie in ganz Nord- und überwiegend Ostdeutschland regelmäßig auftritt, ist für den Bio-Getreidebau eine riesige Herausforderung, weil im Mai, wenn das Getreide seinen höchsten N-Bedarf hat, durch die Trockenheit keine natürliche Mineralisierung stattfindet. Wasser bekommen die Pflanzen noch aus tieferen Schichten, aber keinen Stickstoff mehr. Körnermaisanbau kann eine Strategie sein, denn der hat seinen N-Bedarf deutlich später, wenn der Sommerregen auch in Norddeutschland im Allgemeinen wieder für genügend Feuchte in der Krume sorgt.
Hohe Niederschläge im Herbst und Winter, wie sie vor allem im maritimen Klima in Norddeutschland häufig sind, erfordern wiederum Vorkehrungen zur Vermeidung von N-Auswaschungen.
Regionale Betriebsstrukturen. Regional gewachsene Betriebsstrukturen ergeben unterschiedliche Ausprägungen auch des Bio-Landbaus. Realteilung hat zu kleinen Betrieben geführt. Sollen diese wirtschaftlich überleben, werden intensivere Betriebszweige wie Obst- und Gemüsebau oder Direktvermarktung ausgebaut. Das passt gut in Thünen‘sche Kreise um die Metropolen und ins relativ dicht besiedelte, wohlhabende Baden-Württemberg.
In intensiven Viehhaltungsgebieten ist der Ökolandbau jedoch in der Klemme. Öko lässt keine intensive Viehhaltung auf kleiner Fläche zu, und die Pachten sind dafür zu hoch. Das Gleiche gilt für Hochertrags-Ackerstandorte wie Ostholstein oder die Lößbörden. Ökolandbau bietet sich eher für die flächenstarken Betriebe in Ostdeutschland an, zumal dort die Bedeutung der Ökoprämien umgekehrt proportional zu den Produkterlösen je ha stehen.
Marktstrukturen. Die Strukturen der aufnehmenden Hand prägen ebenso oft das regionale Bild des Bio-Landbaus. Über Jahrzehnte gab es zum Beispiel in Niedersachsen keine Molkerei für Bio-Milch. Das war ein großes Hindernis für die Ausweitung des Ökolandbaus in dieser so bedeutenden Kategorie. Andererseits bestimmt die Dichte und die Anliefermenge je Betrieb die Größe des Erfassungsgebietes einer Molkerei. Das sieht man an der Gläsernen Molkerei, die mit zwei Standorten, einer südöstlich von Berlin und einer nordöstlich von Hamburg, Bio-Milch im ganzen Osten und in zwei Drittel des Nordens erfasst.
Die Packstellen und die Vermarktungsorganisationen für Hühnereier, der zweitstärksten Bio-Kategorie, sind konventionell wie bei Bio in Weser-Ems konzentriert. Die Futtermühlen selbstverständlich auch. Bei den Bio-zertifizierten Schlacht- und Zerlegestätten mit mehr als lokaler Bedeutung gibt es große Lücken vor allem im Osten und der Mitte Deutschlands. Auch das prägt das Bild von der regionalen Erscheinung des Ökolandbaus.
Preisrelationen. Dazu kommt das Auf und Ab der Produktpreise. Beim derzeitigen Hoch der konventionellen Getreide- und Rapspreise ist die Anzahl der Ackerbau-Umsteller auf Bio sehr überschaubar. Das war 2018 schon mal anders: Die konventionellen Getreidepreise waren so niedrig, dass viele Ackerbautriebe auf Bio umstellten. In den klassischen Ackerbauregionen in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt waren es so viele, dass 2019 in diesen beiden Bundesländern die Ökoflächen über 12 % wuchsen, während alle anderen Länder (bei einem bundesweiten Durchschnitt von 7,7 %) nur ein einstelliges Wachstum verzeichneten.
Die konventionelle Milch hatte einen Preistiefpunkt zwei Jahre früher. Viele Betriebe mussten aufgeben. Wer konnte, stellte auf Bio um. Dadurch schnellte das Ökoflächenwachstum im Jahr 2016 deutschlandweit auf 15 %, dem mit Abstand höchsten Wert des Jahrzehnts. Der Landkreis Ammerland, eine von Grünland geprägte Region im nördlichen Niedersachsen, erlebte fast eine Verdoppelung, weil die dortige Molkereigenossenschaft ihren Mitgliedern erstmalig die Abnahme von Bio-Milch anbot. Fünfzig Betriebe stellten auf einen Schlag um. Die Neuumsteller brachten die Aufnahmekapazität der Bio-Milch verarbeitenden Molkereien an ihre Grenzen. Folglich stoppten diese die Aufnahme von Bio-Milch und nahmen auch in den folgenden Jahren nur ganz behutsam neue Lieferanten dafür auf.
Die Unterschiede zwischen den einzelnen Produktzyklen spiegeln sich in den unterschiedlichen Wachstumsschüben der jeweiligen Gunstregionen wider. Inzwischen nähern wir uns bundesweit dem Nullwachstum des Ökolandbaus, wie es 2014 schon einmal herrschte.
Fazit. Aussagen wie »30 % Ökolandbau in zehn Jahren« sind nur sinnvoll, wenn die Vielfalt der Bedingungen verstanden und die Transformation mit den Landwirten gestaltet wird.
Was geht wo im Ökolandbau? In einer Serie werden die DLG-Mitteilungen im kommenden Jahr die »Öko-Szene« in verschiedenen Regionen näher erkunden. Denn nur eine solche Betrachtung ergibt ein differenziertes und praxisnahes Verständnis. Wir werden darstellen, welche Faktoren die Ausweitung des Bio-Landbaus fördern oder bremsen und wie die regionalen Gegebenheiten zu sehr unterschiedlichen Formen führen.